W A R U M , C O C O , W O L L T E N S I E K E I N MA N N S E I N ? Ein Interview von Sabine Lenz Coco, 22, Transsexuelle, liess sich vor anderthalb Jahren operativ von einem Mann zu einer Frau umwandeln. Am 17. Oktober, 22.20 Uhr, läuft im Schweizer Fernsehen ein Dokumentarfilm von Paul Riniker über Cocos Leben. Seit Sie sich erinnern können. wollten Sie ein Mädchen sein und kein Junge. Seit Sie sich erinnern können. rebellieren Sie dagegen. das zu sein. wofür man Sie hält. Kann man einen solchen Zwiespalt wegoperieren? Nein, das kann man nicht. Wenn da ein Ort auf der Welt wäre, wo es nicht mehr Mann oder Frau gibt sondern nur noch Androgynität, dann würde ich dort leben wollen. Da wäre ich ohne Zwiespalt. Wenn Sie androgyn sind. warum dann ein Frauenkörper statt eines Männerkörpers? Wo ist der Gewinn? Der weibliche Körper ist in aller Zwiespältigkeit doch die bessere Annäherung an mein Wesen. Es war für mich nie eine Frage, dass ich in meiner Identität weiblich bin, und trotzdem kann ich mich als Frau sehr stark mit männlichen Eigenschaften identifizieren. Gerade im letzten Jahr, nach der Operation, habe ich mich über Sexualität in meiner neuen Rolle bestätigen müssen und Dinge gemacht, die sich für eine Frau nicht gehören. Ich bin erst seit einem Jahr Frau, ich hab was nachzuholen. Als Frau rebellieren Sie gegen die Frauenrolle. so wie Sie früher als Mann gegen die Männerrolle rebelliert haben. Ich bin eine transsexuelle Anarchistin. Auf Ihren Kinderfotos sieht man Sie als einen ausserordentlich schönen femininen Knaben mit grossen melancholischen Augen. Heute. mit 22 Jahren. sind Sie eine auffallend schöne Frau. Welche Rolle spielt die Schönheit in Ihrem Schicksal? Früher haben die Leute zu meiner Mutter gesagt: "Mein Gott, Frau Loretan, habt Ihr eine schöne Tochter." Auch wenn sie wussten, dass ich ein Bub war, schien es irgendwie zwingend, mich als Mädchen zu bezeichnen. Ich hatte das gar nicht gerne, obwohl ich gleichzeitig darauf beharrte, mit lackierten Fingernägeln, geschminkt und mit Perücke in den Kindergarten zu gehen. In der Schule dann, wo jeder mich gut kannte, wurde ich nur noch als Bub angesprochen, was mich auf das fürchterlichste gekränkt hat. Im Kindergarten habe ich in der Puppenecke gespielt, in der Schule habe ich Erfindungen gemacht mit dem Matador, habe eine Salzabbaumaschine gebastelt, mich mit Fröschen abgegeben und bin auf Bäume geklettert. Trotzdem hatte ich über Buben ein abschliessendes Urteil: sie sind dumm, grob und blöd. Ich war bei ihnen ausgeschlossen, wurde verprügelt, kam mit blutiger Nase, zerschlagener Brille, gebrochenem Schlüsselbein nach Hause. Der einzige Junge, mit dem ich mal befreundet war, das war ein ganz fetter, hat zuhinterst gesessen und immer PapaMollHefte gelesen. Den hat man später nicht in die RS gelassen, weil er zu dick war, um in eine Uniform zu passen. Dieser Junge war wohl geschlechtlich auch so ein Grenzgänger wie Sie. Aber kommen wir zurück zum Thema Schönheit. Was bedeutet es für Sie. mit solcher Schönheit ausgestattet zu sein? Wenn ich selbst einen Menschen treffe, der sehr schön ist, könnte ich ihn stundenlang anschauen, einfach anschauen, Balsam. Ich selbst fand mich hässlich und hatte Komplexe. Später sagte man mir, ich würde mal ein Frauenheld, die Mädchen würden mir nachlaufen. Ziemlich schnell habe ich gemerkt, dass mir die Mädchen eigentlich weniger nachgelaufen sind, und dass ich es auch lieber hatte, wenn mir die Buben nachgelaufen sind. Das, was andere früh an mir bemerkt haben, diese erotische Schönheit, das habe ich selber erst nach der Operation gesehen. Das glaube ich Ihnen nicht. Ja, ja, vielleicht auch nicht (windet sich, lacht). Doch, oft finde ich mich so verlebt, so kaputt, gar nicht schön, schräge Schnurre und schräge Zähne. Früher hatte ich noch die lange Nase von meinem Vater, sah aus wie Pinocchio. Deshalb hat sie auch wegmüssen, alles, was männlich vorstand, hat wegmüssen. Was ich langsam weiss, ist, dass ich schöne Augen habe. Sie wirken mehr als alles Reden. Meine Augen sind mein zweiter Mund geworden. Wenn man als Frau in einem Männerkörper geboren wurde, so wie ich, ist es ein Vorteil, schön zu sein. Denn nach der Geschlechtsanpassung (die Operation ist ja keine Geschlechtsumwandlung sondern eine Anpassung an das, was man ist), ist es ein Handicap, wenn man äusserlich viele männliche Attribute hat. Eine Frau mit eckigem Kopf und Bartstoppeln fällt einfach auf, eine Frau mit Haaren auf der BrustŠ ..Haben Sie das Problem nicht. weil Sie hormonell behandelt werden? Man kann durch die Hormonbehandlung nichts rückgängig machen, was schon da war. Ich hatte nie Haare auf der Brust. An den Beinen? Weniger als Sie. Solche Transsexuelle mit ausgeprägter Behaarung haben es schwer; sie werden viel schneller erkannt. Mein einziges Erkennungsmerkmal ist meine tiefe Stimme oder wenn ich zu sexy und aufgetakelt rumlaufe. Da denkt man schnell, dass da keine Frau dahintersteckt. Schönheit und Trauer strahlen Sie aus. Edgar Allan Poe sagt, die schönste Schönheit sei die melancholische. Manchmal verfluche ich meine Schönheit. Manchmal wünsche ich mir, ganz normal und glücklich zu sein. Aber ich weiss, dass ich es gar nicht ertragen würde, glücklich zu sein. Ich glaube, ich habe eine grosse Leidensfähigkeit. Das hat sich auch durch die Operation nicht wesentlich geändert. Wo sind Sie zu Hause. in welchem Milieu? Wenn man so extrem Grenzen überschreitet wie ich, dann kommt man ins Niemandsland, dann hat man eine Freiheit ohne Rahmen. Aber da ich ja aus keiner bürgerlichen Familie stamme, sondern schon vom Elternhaus her soziales Ausgeschlossensein und Einsamkeit kenne, ist es für mich normal zu spinnen. Ich finde es herrlich zu spinnen, und wenn man nichts mehr zu spinnen hat, muss man sich wieder etwas erfinden. Auf welche Weise haben Sie zu Hause qesponnen? Auf meinen Vater bin ich gestanden, hätte nichts dagegen gehabt, mit ihm was zu haben (lacht), mit meiner Mutter hatte ich mehr Schwierigkeiten. Im Film tauschen Sie die Liebeserklärungen mit Ihrer Mutter aus. nicht mit Ihrem Vater. Ist das anders geworden. seit Sie operiert sind? Ja, natürlich, jetzt geht's viel besser mit ihr. Heute kann ich meiner Mutter sagen "ich liebe Dich". Das habe ich früher nie gekonnt, obwohl sie immer wollte, dass ich es sage. War die Atmosphäre in Ihrer Familie von Sexualität erfüllt? Ja, ich glaube schon. Sexuelles ist in unserer Familie sehr offen gelebt worden. Einerseits sind wir liberal, im Geist der 68er Jahre erzogen worden, andererseits hat die Sexualität viel bei uns kaputtgemacht. Wenn die Beziehungen zu früh und zu deutlich über die Sexualität ausgelebt werden, dann merkt man das spätestens in der Pubertät. Bei einem Jüngling ist die sexuelle Erregung ja sichtbar, und wenn das für ihn eigentlich etwas sehr Problematisches ist, dann hat er Angst, dass andere das sehen könnten, und vor allem Schuldgefühle, dass er überhaupt erregbar ist, wo er es nicht sein möchte. Frauen haben Macht über die Sexualität des Mannes. Sie können ihn reizen und erregen, und selber behalten sie die Kontrolle. Frauen können sich tarnen, man kann ihnen ihre Geilheit nicht beweisen, ein Mann aber kann nichts verleugnen. ; q Wollten Sie eine Frau werden. damit Sie Ihre sexuelle Erregung besser verstecken können? Ja, als geile Frau lebt es sich besser denn als geiler Mann. Ich musste mich der männlichen Sexualität entledigen, weil sie mir zuviel Schuldgefühle gemacht hat. Jetzt habe ich zu Frauen ein gutes Verhältnis. Wie ist Ihr Verhältnis zu Männern? Ich brauche sie sexuell und für nichts sonst. Ich will sie benützen und nachher fallenlassen, da ist gleichzeitig Hass und Erregung. Ich muss eine Frau sein und wie eine Frau aussehen, um diese Gefühle gegenüber Männern ausleben zu können. Das ist für mich alles noch sehr neu, und ich bin gerade daran, mich als Frau in der Sexualität, kennenzulernen. Darum muss ich so viel davon reden und natürlich auch ausprobieren, ,sonst passiert ja nichts. Im Moment schlage ich noch über die Stränge. Im Moment bin ich ein bisschen wie ein Macho, ziemlich dominant und burschikos. Ich lebe die Sexualität, gemessen an den gesellschaftlichen Normen, eher männlich aus. Vielleicht kann ich nur als Frau zu meiner Männlichkeit stehen, ohne Schuld und Selbsthass. Ich denke aber, dass die Phase von Quick Sex und Aufriss bald einmal vorüber ist, das ist ja schliesslich auch lästig. Keine Rede von Liebe? Das sind doch zwei ganz verschiedene Ebenen. Es gibt eine geil sexuelle und eine beziehungsbetonte erotische Ebene. Frauen haben Mühe, wenn ich über die erstere spreche, Männer verstehen das viel besser. Sagen Sie etwas zu der zweiten Ebene. Als Frau zelebriere ich die Sexualität. Ich brauche mit meinem Liebespartner viel mehr Zeit und Stimulation als früher. Es muss alles mehr stimmen. Für einen Mann ist es viel einfacher, zum Orgasmus zu kommen: ein paar Kunstgriffe und schon kommt es den Typen. Bei mir war das schon vor der Operation anders. Durch die Hormonbehandlung bin ich feinfühliger und in meinem Erleben ganzheitlicher geworden. Eine männliche Orgasmusfähigkeit ist nicht dasselbe wie eine weibliche  wenn das jemand vergleichen kann, dann bin ich es. Wenn die Männer wüssten, was man als Frau für Orgasmen erleben kann, gäbe es sehr viel mehr Transsexuelle. Welch seltene Kompetenz. männliches und weibliches Erleben aus eigener Erfahrung vergleichen zu können. Auch wenn es da einiges zu relativieren gäbe, schreiben Sie es so hin, das regt zum Denken an. Wenn man sich künstliche Brüste machen lässt und den Penis nach innen stülPt. um eine Scheide daraus zu bauen. ist dann aus einem Mann eine Frau geworden? Sie vergessen die Hormone. Ein Griff ins Hormonkistchen und ich könnte sogar Kinder säugen, es käme Milch. Gebären könnte ich natürlich nicht, aber es gibt ja viele Frauen, die keine Kinder bekommen, und sie sind auch Frauen. Vielleicht hat eine Frau etwas UrMütterliches, was ich in dieser Art nicht habe. Ich bin androgyn, meine Identität ist nicht das FrauSein sondern die Annäherung an das FrauSein. Der Illusion vom FrauSein nachJagen, das ist mein Beruf. Haben Sie noch andere Berufswünsche? Mein Traum ist die Bühne. Meine eigentliche Leistung aber ist, dass ich immer noch lebe. Bei den Transsexuellen beträgt die Selbstmordrate 70808. Wenn ich es schaffe, nicht durch Freitod zu enden, sondern jeden Tag trotz meiner Depressionen weiterzumachen, dann habe ich viel geschafft. Was dePrimiert Sie so sehr? Mein Weg kommt mir manchmal selbstzerstörerisch vor. Du spürst, du hast eine bestimmte Richtung eingeschlagen und weisst, wo sie hinführt, und du versuchst immer wieder, sie zu ändern_ und schaffst es nie. Das ist ein Teil meiner Trauer, dass ich gesund und normal sein möchte und in einer stabilen Beziehung aufgehoben sein, und doch weiss ich, dass ich auf eine schockierende Art altern und enden werde. Es ist eine Tragik, wenn man wegen der Schönheit, der Jugend und der Potenz hochgeJubelt wird; mit diesem Mythos muss man dann altern. Das Schicksal von schönen und starken Frauen, die auf der Bühne standen: im Alter bleibt ihnen Lächerlichkeit, Einsamkeit und Verbitterung. Man schliesst sich von der Gemeinschaft aus, wenn man in die Extreme geht. Ich habe keine andere Wahl, als Grenzen zu überschreiten, und komme fast daran um. In meiner kindlichen Vorstellung, als die Welt noch eine Scheibe war, bin ich ans Ende der Welt gegangen und von ihr runtergesprungen, und da war Nichts. Ich bin eigentlich gar nicht mehr ganz da. Was ist das büraerliche Leben. nachdem Sie manchmal Sehnsucht haben? ; Ein Rahmen an Unfreiheit, der einen hält und trägt. Ich habe die Grenze meines Geschlechtes überschritten, ich akzeptiere keinen Rahmen mehr. Mit der Unfreiheit zu leben ist leichter als mit der Freiheit. Ich hatte auch mal eine bürgerliche Lebensperspektive: ich habe Matur gemacht und könnte jetzt studieren. Aber mit der Transsexualität habe ich von jedem bürgerlichem Traum abgehoben und fliege in meinem Raumschiff immer weiter und bin dann eben mit 50 die alte durchgedrehte Schrulle. Es gibt für das, was ich bin, keinen Ort, nicht in mir und in der Welt nicht. Welche Bedeutung hat die Operation heute für Sie? Ich habe sie überschätzt, aber ich musste sie Wachen, um das zu erkennen. Die Annäherung an eine Grenze hält mich am Leben, nicht das Erreichen und Überschreiten. Die Vorstellungen sind geil, nicht die Ausführungen. Das Interview erscheint. danach kommt im Fernsehen ein Film über Sie. Haben Sie keine Angst, sich mit einer solch intimen Problematik einer unbekannten Öffentlichkeit Preiszugeben? Ich befürchte die aggressiven Reaktionen von Leuten, die sich betroffen fühlen, ohne es verarbeiten zu können. Davor habe ich schon Angst, dass Unwissen und Unsicherheit umschlagen in Abwehr und Aggression. Leonardo saat: "Man hat kein Recht, etwas zu lieben oder zu hassen, wenn man sich nicht eine gründliche Erkenntnis seines Wesens verschafft hat." Genau