V I V A L A E - V O L U C I O N Wird der Dschungel entlaubt? Die Gesellschaft ist ein hochdifferenziertes System,das in sich eine Vielzahl verschiedener System /Umwelt-Referenzen aufweist. Alle Hauptlinien der Formierung gesellschaftlich relevanter Wert- und Sinngehalte lassen sich auf einzelne Funktionssysteme rückschließen. Diese Teilsysteme der Gesellschaft sind heute durch universelle Bits miteinander verbunden. Das heißt aber nicht, daß es einen alles umfassenden Wertbegriff und einen alles zu Grunde liegenden Sinn gibt. Der Sinn, vorgestellt als einen einheitlichen, differenzlosen und nichtnegierbaren Tatbestand, ist ein Phantasma, wie ebenso das sogenannte >sinnstiftende Subjekt<. Erst in der Ordnungsleistung der Systemstruktur kommt den Letztelementen, wie Ereignisse, Informationen etc., Sinnkonstitution zu. Seitens des Individuums erschließt sich sein Sinngehalt in der Selbstbeobachtung eigenen Verhaltens, im Kontext der im persönlichen Modell möglichen Optionen. De facto entwickeln soziale Systeme ihre je eigenen Wertpräferenzen, Sinnhorizonte und Kommunikationsformen. Sinngehalte und Wertbegriffe wirken mit an der Formierung von Wirklichkeitsmodellen. Ihre gesamtgesellschaftliche Effizienz erweist sich nicht in der Perfektion des Ganzen, sondern in der Sonderleistung der Teile. Die Sinnperspektiven der verschiedenen Teilsysteme können einander dabei widersprechen und den Wettbewerb anheizen, können sich aber auch wechselseitig bestätigen. Erst in der Sachverhaltsfeststellung, mit besonderer Berücksichtigung der verschiedenen am Sachverhalt beteiligten Beobachterpositionen in einer bestimmten Systemstruktur, kann im Bewußtsein der eigenen Strukturabhängigkeit ermessen werden, was und warum etwas sein darf oder nicht. Mit dieser Einsicht relativiert sich die Feststellung von einer devianten Handlung, da sie auf rein konsensueller Übereinkunft beruht. Aber auch die deviante Handlung selbst, also das von der sogenannten Norm sozialen Verhaltens abweichende Denk- und Handlungsmuster, entpuppt sich evolutionstheoretisch gesehen einfach als ein strukturell gekoppelter Variationstyp. Die vermeintlich deviant handelnde Person schöpft zwar aus der je eigenen motivationalen Basis, vollzieht aber nur die Vorgabe der Systemreferenz. Das wiederum bedeutet, daß sich die Auswahl einer durch die allgemeine soziokulturelle Evolution freigesetzte Negationsmöglichkeit durchaus mit den Mainstream-Werten in der Gesellschaft decken kann. Ein Beispiel etwa die Zielvorgaben der künstlerischen Avantgardebewegungen, die in keinem Widerspruch zu so dominierenden Hauptlinien wie Zukunftsoptimismus und Machbarkeitsvertrauen stehen. Die Negation kann so den Status eines sozialen Kommunikationsmusters erlangen, das, je nach Ausdifferenzierungsstand der gegebenen Begriffs-, Dogmen- und Theoriekontexte, entweder zur legitimen oder zur fehlgelaufenen Aktivität werden kann. Deviante Handlungen, die Kommunikationsmuster ausbilden, sind dann - wie die durch sozial angepaßte Handlungen enstandenen Muster - sich permanent relationierende Elemente, die gleichermaßen die Reproduktion, also den Fortbestand, sozialer Systeme gewährleisten. Auch im elektronischen Raum muß man nicht warten, bis alle Bedingungen für eine Revolte herangereift sind. Der Aufstand selbst kann solche Bedingungen schaffen! Text/Therrorizing : F.E.ROBOschan